Glaskünstler gab es nicht im Bezirk: Geraer Winfried W. Wunderlich im Porträt

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Thränitz. Als sich Winfried W. Wunderlich, 1951 in Gera geboren, nach Abitur, Maschinenbauer-Lehre und Studium für Kunst und Design an der Burg Giebichenstein/Halle für seine Diplomarbeit erstmals in einer Glashütte wiederfindet, habe sich die Hölle vor ihm aufgetan. „Es war fantastisch. Die riesigen Öfen, der Dampf, die Hitze, die kräftezehrende Arbeit, das zähflüssige Material.“ Die Glasherstellung fesselt ihn derart, dass sie sein gesamtes Leben und Schaffen bestimmen soll.
Direkt nach dem Studienabschluss 1977 in Halle will Winfried Wunderlich wieder zurück in die Heimat und in Gera freischaffend sein. Doch das ist so zu DDR-Zeiten nicht vorgesehen, Designer werden in die Industrie geschickt. Doch der Geraer Maler Eberhard Dietzsch legt für ihn und seinen Studienkollegen Klaus Hößelbarth ein gutes Wort beim Rat des Bezirkes ein. Glaskünstler gibt es ohnehin im Bezirk noch nicht, und so öffnet sich doch für beide die Tür zur Selbstständigkeit. Auch der Verband Bildender Künstler stimmt zu.
Das Glasmachen bringen sich die beiden Künstler selbst bei, ziehen mit großem Enthusiasmus durch Thüringer Wald und die Tschechei und klopfen an den Glashütten an, um das Handwerkszeug zu erlernen. Winfried Wunderlich probiert sich an den alten Techniken aus, die das freie Formen und die Gestaltungsmöglichkeiten des Materials zum Ziel haben. Unermüdlich arbeiten und lernen die beiden Glaskünstler in Lauscha oder Stützerbach, angetrieben von unbändigem Ehrgeiz. „Wir waren so gierig danach, das Handwerk zu beherrschen, dass wir dabei die künstlerische Idee vergessen haben“, erzählt Winfried Wunderlich. Später kommen ihm diese erlernten Fähigkeiten zugute, um sicher, frei und kreativ mit dem Material umzugehen.
Heimatstadt Gera liegt Wunderlich am Herzen

Als Hößelbarth in den Westen geht, bleibt Wunderlich da. „Gera liegt mir sehr am Herzen, das ist meine Heimat.“ 1983 baut er sein wunderschön am Berg gelegenes Haus mit Atelier, Werkstatt und eigenen Glasöfen in Thränitz. Mit seiner Familie lebt und arbeitet er hier. Es läuft gut für ihn, er ist mit seinen Glasarbeiten, die er in den verschiedensten Techniken und Formen fertigt, in einer komfortablen Situation. Wunderlich macht Hüttenglas, Fusingglas, Glassguss. Er arbeitet mit Sandbett und Gravuren, legt mehrere Glas-Schichten übereinander und kombiniert die Masse mit anderen Materialien. Der Brunnen seiner Ideen ist unerschöpflich und er sucht nach immer neuen Herausforderungen. Jährlich stehen zwei bis drei große Ausstellungen mit Wunderlichs Arbeiten an. Seine Gefäße und Objekte aus Glas verkaufen sich gut. Und auch die Malerei spielt zeitlebens eine wichtige Rolle, ebenso wie die Kunst am Bau. Er wird Mitglied im Beirat für architekturbezogene Kunst.
Mit der Wende kommt der Einschnitt. Der staatliche Kunsthandel, der Ausstellungen und Kunstverkauf zu DDR-Zeiten organisiert, bricht weg. Und die Menschen investieren ihr Geld erst einmal anderweitig. Er wird Gastdozent an seiner alten Hochschule und für zehn Jahre auch Teilhaber eines Architekturbüros. Er ist für die gestalterischen Elemente am Bau zuständig. „Irgendwann wurde die Arbeit immer weniger kreativ und mehr und mehr zum Bürojob, so konzentrierte ich mich wieder intensiv auf meine künstlerische Tätigkeit. “
Die Liste seiner Objekte im öffentlichen Raum ist mittlerweile beeindruckend lang, und die meisten dieser Arbeiten hat er mit Künstlerkollegen realisiert. Die Überdachung des Bahnhofsvorplatzes in Gera ist ihm zuzuschreiben, seine Kunst schmückt Verwaltungsgebäude, Pflegeheime, Gedenkstätten, Haltestellen, Bahnunterführungen, Kirchen, Krankenhäuser und viele weitere Orte. Allein im Geraer SRH-Klinikum gestaltet er gemeinsam mit dem Geraer Maler und Grafiker Sven Schmidt den Raum der Stille, stattet 120 Patientenzimmer mit bildender Kunst aus.
Winfried Wunderlich ist kein Einzelgänger, er arbeitet viel lieber mit anderen zusammen, stellt die eigenen Befindlichkeiten hinten an, schätzt auch den Blick der Kollegen auf seine Arbeit. Etwas den Menschen zurückzugeben, sie für Kunst zu sensibilisieren – das ist ihm wichtig, und auch, sich für und in der Heimatstadt Gera zu engagieren. Sein Leben, das nicht frei von Schicksalsschlägen und Tiefpunkten war, hat ihn dazu motiviert. Seit 2002 ist er zum einen für einen Geraer Wohlfahrtsverein tätig, und zum anderen mit Sven Schmidt treibende Kraft bei zahlreichen Kunstprojekten, die längst über die Stadtgrenzen hinausstrahlen. Die beiden gründen am Mohrenplatz in Gera-Untermhaus die Verkaufsgalerie M1, die mittlerweile ihre 38. Ausstellung feiert. Sie initiieren und organisieren von 2003 bis 2011 die Höhlerbiennalen in Gera, heben den „Ost-West-Pavillon“ und das Kunstareal auf Schloss Osterstein aus der Taufe, füllen die alten Mauern mit Leben. Kunst dort zu zeigen, wo man sie nicht erwartet, ist das Ziel der beiden. Mittlerweile haben sie auch den gemeinnützigen Verein Kunstzone Gera e.V. gegründet, der sie unterstützt.
Seine Heimat Gera liegt Winfried Wunderlich ganz besonders am Herzen – nur manchmal zieht es ihn an seine zweitliebsten Orte: nach Hiddensee und an den Gardasee. An letzterem findet gerade jetzt ein Pleinair mit Winfried Wunderlich statt.
Ulrike Kern / 25.08.15 / OTZ

Quelle: http://www.otz.de/web/zgt/kultur/detail/-/specific/Glaskuenstler-gab-es-nicht-im-Bezirk-Geraer-Winfried-W-Wunderlich-im-Portraet-598530159

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